Seit bald 24 Jahren bin ich in der kirchlichen Jugendarbeit der RKK Basel Stadt tätig. Da stellt sich die Frage, ob sich kirchliche Kinder- und Jugendarbeit eigentlich lohnt. Aus meiner Sicht ist kirchliche Jugendarbeit vor allem Beziehungsarbeit. Beziehungen wachsen über die Zeit und bilden die Basis für persönliche Entwicklungsanstösse. Was ich als Kind erlebt habe, geht auf in der Jugend auf und bringt Frucht im erwachsenen Leben. Dazu ein paar Beispiele, vielleicht kommt ihnen die eine oder andere Person bekannt vor. Ein grosser Teil der kirchlichen Jugendarbeit wird in den Jugendverbänden geleistet, in der Jungwacht/Blauring und in der Pfadi…. Ein Kind fällt im Sommerlager besonders durch sein Engagement auf. Es hält Reden vom Balkon des Lagerhauses, was doch eher aussergewöhnlich ist. Als junger Leiter denn ist ihm keine Aufgabe zu schwierig oder zu schmutzig, um diese mit Energie an die Hand zu nehmen. Bald einmal geht diese Person dann ihre eigenen Wege … heute ist sie Regierungsrat in Basel-Stadt.
Ein Jugendlicher Jungwachtblauringleiter fällt besonders durch sein Potential auf mit seinen Kollegen die Zeit der Leiterrunden unnütz zu vertrödeln und dabei auch noch kreativen Mist zu erfinden. Zum Beispiel gründen und geben sie eine Zeitung heraus mit dem sinnigen Namen „de grösste Seich“ und legen diese zum Unmut mancher Kirchgänger in der Kirche auf. Nachdem sie mit ihren Blödeleien sogar die Scharleitung zur Verzweiflung und zum Abgang bringen, nehme ich sie in die Plicht. Der Rädelsführer wird zum Scharleiter und aus dem Chaoshaufen wird eine starke Jungwacht/Blauring. Der betreffende Scharleiter macht weiter ehrenamtliche und amtliche Karriere in der Kirche und beim FC Basel. Heute ist er Basler Parlamentarier und für die Prävention der Fanarbeit der Swiss Football Leage zuständig.
In der Firmgruppe fällt ein Jugendlicher besonders durch sein aussergewöhnliches soziales Verhalten auf. Über 20 Jahre bleibt er der kirchlichen Jugendarbeit unterstützend verbunden, obwohl er längst eine eigene Firma hat. Ohne ihn und seine kreativen Ideen würde wohl das Taizétreffen Ende 2017 mit rund 20‘000 Jugendlichen nicht in Basel Stadt finden.
Eine Firmandin findet Gefallen besonders auch an der Romreise, die wir seit Jahren in unserer Pfarrei im Rahmen des Firmkurses veranstalten. Der Kontakt zur Pfarrei bleibt. Um soziale Erfahrung zu sammeln, hilft sie zeitweise in unserem Sozialdienst mit. Heute hat sie ihr Sozialpraktikum im Rahmen ihrer Ausbildung an der Fachhochschule für Soziale Arbeit in unserer Pfarrei begonnen. Und bereits hat sie als Begleiterin für unsere diesjährige Firmreise nach Rom begeistern lassen.
Ein Kind aus dem Kinderheim geht in die Pfadi, wird Wölflileiter und Abteilungsleiter. Heute arbeitet der junge Erwachsene bei den Robi-Spiel-Aktionen in der Tagesbetreuung. Dies nur ein Beispiel von vielen Pfadikarrieren. Überhaupt halte ich die katholische Pfadi (KPK) mit 17 Pfadiabteilungen in der Region Basel für die weitaus beste und stärkste kirchliche Jugendorganisation. Die inneren Werte der Organisation halten bis jetzt allen Zeitumständen stand.
Schliesslich noch dies: Vor zwanzig Jahren musste ich den Vater einer Ministrantin beerdigen. Sie war damals 12. Diese Woche beerdige ich auf seinen eigenen Wunsch ihren Grossvater. Sie ist zweiunddreissig und hat ein Kind. Die Erfahrung des Schicksals in der Familie hat die Zeit überdauert und eine Beziehung zur Kirche geschaffen.
Ob sich kirchliche Jugendarbeit lohnt, ist wohl nach diesen paar Beispielen eine überflüssige Frage. Dutzende, ja Hundert andere Beispiele könnte ich aufzählen. Vielmehr scheint es mir sehr wichtig auch in Zukunft vor allem personell und finanziell in die kirchliche Jugendarbeit und in die kirchlichen Jugendverbände zu investieren.
Hermann Wey, Jugendarbeit St. Clara, Kleinbasel